Mittwoch, 28. Dezember 2011

Kleine Welt - Nicht nur in Zeilitzheim

Six Degrees of Separation

Neulich, während ich einige Tage im Krankenhaus verbrachte und die Tage und Nächte sich unterbrochen nur durch Schlaf, Besuche durch die Familie und den Meldungen meiner Facebook- und Twitter-Freunde glasig ineinander woben, wurde mir etwas klar. Und das ist für sich gesehen schon eine berichterstattungswürdige Meldung.

Klar wurde mir durch die vielen virtuellen Gespräche mit Leuten, die ich teilweise nur und zum größten Teil zumindest zuerst über das Netz kennen lernte, wie eng wir doch alle miteinander verbunden sind, vor allem natürlich regional. Vor einigen Wochen vernahm ich die Meldung, dass das "Kleine-Welt Phänomen" oder "Jeder kennt jeden Gesetz".... der Grundsatz "Six Degrees of Separation" aufgrund der immer stärker werdenden Vernetzung inzwischen korrigiert werden muss.

In den 60er Jahren hatte der Psychologe Stanley Milgram eine Hypothese aufgestellt "nach der jeder Mensch (sozialer Akteur) auf der Welt mit jedem anderen über eine überraschend kurze Kette von Bekanntschaftsbeziehungen verbunden ist." (Quelle: Wikipedia). Der damals für die USA von Milgram experimentell ermittelte Faktor von rund 6 durchschnittlichen Pfadlängen bzw. Zwischenverbindungen zwischen den Menschen, muss ja bei stärker vernetzte Systeme oder Teilgruppen ja noch viel geringer sein.

So gibt es - eher als Scherz - die Bacon-Zahl bzw. das Bacon-Orakel, mittels dem die Verbindungen von amerikanischen Schauspielern miteinander gemessen werden basierend auf der Tatsache, ob sie schon mal mit Kevin Bacon zusammen in einem Film spielten. Der Durchschnitt soll laut mashable hier basierend auf Daten der Filme-Datenbank IMDB bei rund 3 liegen (d.h. ein Hollywoodschauspieler hat aufgrund seines Auftretens zusammen mit anderen Schauspielern im Schnitt 3 Verbindungen bzw. Sprünge zu Kevin Bacon).

Das "Jeder kennt jeden Gesetz" wurde 2008 bei Spiegel Online ganz schön beschrieben. Jetzt gibt es eine neue Studie, die Facebook in Zusammenarbeit mit der Mailänder Uni durchführte. Und (Überraschung!): Bezogen auf das Netzwerk Facebook sollen wir statt der berühmten "six degrees of separation" nur noch zwischen rund 4 und 5 "Grade an Entfernung" zu anderen Nutzern haben. Das Ergebnis dieser Studien veröffentlichte Facebook am 22. November 2011. Ein wenig darüber nachdenken konnte ich erst während meines Krankenhausaufenthaltes kurz vor Weihnachten.

Wenn also zwischen mir und jedem beliebigen anderen Facebooknutzer nur 4-5 andere Nutzer (also meine Freunde, deren Freunde etc.) dazwischen liegen, wie viel direkter müssen diese Verbindungen auf regionaler Ebene sein? Vor allem werden diese ja erst durch dieses Netz, in dem ich sehen kann wer zumindest die direkten Freunde meiner Freunde sind, überhaupt erst sichtbar. Das bezieht sich natürlich nicht nur auf Facebook, sondern auf die Gesamtheit aller on- und offline Beziehungen. Je mehr ich ein wenig tiefer grabe, desto öfter werden mir immer engere Verbindungen zu anderen bewusst. Freunde von mir haben Freunde, mit denen ich entweder privat oder geschäftlich auch schon mal zu tun hatte und das ganz ohne das Wissen des jeweils anderen.

Mein Anästhesist erzählte mir zum Beispiel kurz bevor er mich mittels Rückenmarksvollnarkose vorübergehend ins Nirvana beförderte, er habe nun schon fast die ganze Familie auf dem Tisch liegen gehabt (was bei seinem Beruf und seiner Stellung in einem Kleinstadtkrankenhaus natürlich über Generationen gesehen zu erwarten ist). Er hatte aber auch schöne Geschichten meiner 1997 verstorbenen Großmutter zu erzählen, was uns sofort in Erinnerung und Solidarität verband. Und dann: Eine meiner Krankenschwestern ist die Mutter einer der ehemaligen Erzieherinnen im Kindergarten unserer Töchter. Und manche der Damen, die in diesem Krankenhaus putzen, haben auch schon bei uns im Schloss gearbeitet. Jeder kennt jeden, irgendwie.

Und wenn ich analysiere, wie sich die Twitter- und Facebookfreunde, die ich ja teilweise schon als Gäste im Schloss oder auf Konferenzen und Barcamps persönlich kennen lernen konnte, wiederum untereinander durch teilweise ganz andere Tätigkeiten kennen, wird das alles sehr spannend. Die Welt ist - mit zunehmender Vernetzung - wirklich ein Dorf. Zum einen treten wir oft auch in Kontakt mit Leuten, die wir früher einmal kannten und jahrelang aus den Augen verloren hatten. Gut: Bei denen stellen wir oft fest, dass sie sich im Wesen nicht verändert haben (und wir selbst schon erst gar nicht) und wir heute noch immer so inkompatibel sind wie damals. Aber bei manchen Leuten sollen alte Flammen ja auch wieder lodern, nachdem sie nach Jahrzehnten wieder ihre Jugendliebe bei Facebook oder einem anderen dieser online Netzwerke wieder fanden. David Kirkpatrick weist in seinem Buch "The Facebook Effect" eher scherzhaft darauf hin, dass solche Leute auch "Retrosexuals" genannt werden. Okay. Ich fand das lustig. Und damit ist wohl auch etwas anderes gemeint. Egal. Ihr wisst, was ich damit sagen will. Nicht, dass es beim Netzwerken immer um Sex oder Liebe gehen muss. Wenn das so wäre, bekäme ich von meiner Frau auch Internetverbot. Zu Recht.

Also. Wo waren wir? Ach ja. Wir sind alle miteinander verbunden und diese Verbindungen werden durch soziale online Netzwerke immer leichter sichtbar und der Kontakt zu einander immer leichter möglich. Ich habe jedenfalls durch Facebook den Kontakt zu dem damals erst zwei Jahre alten Sohn meiner Mitbewohnerin in Colorado Springs, während ich dort studierte, bekommen. Er besuchte uns im Juli 2010 mit seiner damaligen Freundin hier in Zeilitzheim (ich bloggte damals kurz darüber in einem meiner anderen Blogs). Zu beiden habe ich noch immer sehr guten Kontakt und diese Verbindung bereichert mein Leben.

Vor allem die Direktheit, mit der wir uns mit anderen Menschen inzwischen vernetzen können imponiert mir. Mit bislang völlig unbekannten Leuten können wir Kontakt aufnehmen und manchmal innerhalb kürzester Zeit spannende Dialoge führen. Ein kurzes "ich bin ein Freund Deines Freundes xyz" hilft beim Einstieg in solche Diskussionen. Schade finde ich wiederum, wie der Kontakt zu alten Freunden, die sich gar nicht online bewegen, sich verschlechtert. Ja, sicherlich. Das liegt an mir. Ich könnte hier den ersten Schritt machen. Aber da hilft es doch zumindest, wenn man schon ganz grob weiß, was den anderen zur Zeit so umtreibt. Das stärkt die schwachen Bindungen. Aber da waren wir ja schon mal.

Was wollte ich also mit dem ganzen Text hier eigentlich sagen? Keine Ahnung. Pflegt Eure Netzwerke vielleicht. Auch die, die gerade nicht online sind. Aber nutzt gerade die online Netzwerke als Quell der Inspiration. Denn nie war es einfacher Verbindungen zu erkennen und diese als Grundlage für einen wertvollen Diskurs zu nutzen.

Foto: Granatapfel, schön schichtig und vernetzt.

#alttext#

5 Kommentare:

  1. Ein sehr nachdenkenswerter Artikel. Ich hatte schon öfter daran gedacht, wie wohl ein gezeichnetes Netz der Verbindungen meiner Kontakte in meinem Leben aussehen würde. Am besten gemeinsam zeichnen und sehen wie die Verbindungen unserer Freunde sich weiter verzweigen und ebenso wieder zu uns zurückführen.

    Mir persönlich gibt dieses Bild ein wärmendes Gefühl. Es ist schön zu wissen, dass ich so eingebunden bin.

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  2. Alexandra: :-)

    Semantische Netzwerke faszinieren mich ja schon lange. Ich musste jetzt wieder an das Projekt (Berliner) "Kiezatlas" von 2004, das auf DeepaMehta basiert. Da ist noch jede Menge Stoff drin... und die Darstellung semantischer Netzwerke ist ja auch seit 2004 viel weiter voran geschritten.

    http://www.deepamehta.de/docs/kiezatlas.html

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  3. Du bist einer der Twitterer, bei denen sich meine Twitterwelten überschneiden. Was ich immer wieder spannend finde. Zum einen wären da die fränkischen Twitterer, Du tauchst aber auch immer wieder bei den Buch-Twitterern auf. Eigentlich wird es langsam mal Zeit, sich persönlich kennen zu lernen. Auch wenn ich euch Kellner nicht vom U&D nach Zeilitzheim schicken wollte. ;)(@buchgefluester)

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  4. Emily: Ja, wird Zeit. Ich bin ja gelegentlich in Würzburg beim WebMontag im CoWoWue. Oder Du kommst einfach zur zweiten Auflage des Twitter Picnics im April: https://www.frankentipps.de/veranstaltung97349

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  5. Beim WebMontag war ich bisher noch nie, weil ich eher schreibend als technisch am Netz teilnehme. ;) Aber das Twitter Picnic hört sich toll an! Ist notiert :)

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