Montag, 19. Dezember 2011

Ja, ich wurde am Hintern operiert

Ein Krankenhausaufenthalt

Warnung: Der folgende Artikel befasst sich teilweise mit medizinischen Details persönlicher Natur und enthält Links zu explizitem medizinischem Content. Wer sich weder für Persönliches von mir noch für laienhafte Schilderungen medizinischer Vorgänge interessiert, sollte JETZT aufhören zu lesen.


Also gut. Für alle die, die jetzt noch dabei sind: Ich teile meine jüngsten Erfahrungen eines operativen Eingriffs - nicht aus exhibitionistischen Gründen, sondern weil es eben auch ganz einfach zum Leben dazu gehört. Und weil die Erfahrung mich zum Nachdenken über tiefer gehende Dinge veranlasste. Aber nicht zu tief, keine Angst.

Sehr gerne höre ich wöchentlich den Podcast "This Week in Google". Dort geht es nicht nur um Google, sondern um Cloud Computing im Allgemeinen und letztlich auch wie sich Veränderungen in der Netzwelt auf unsere Gesellschaft und unser Denken auswirken. Einer der drei ständigen Gastgeber des Videopodcasts (ich höre meist jedoch die Audiofassung, sehe gelegentlich live per Streaming) ist der New Yorker Journalismusprofessor Jeff Jarvis, dessen Bücher "What Would Google Do?" und "Public Parts" ich gelesen habe. Um gerade diese Auseinandsetzung mit dem Thema "Öffentlichkeit" geht es mir auch hier in diesem Beitrag. Ich beschäftige mich ja nun schon eine Weile mit dem Thema Privatsphäre, genauer genommen: Welchen Vorteil haben wir als Individuen und als Gemeinschaft von Öffentlichkeit. Ich unterscheide dabei meist zwischen den Begriffen "privat" und "persönlich" und plädiere dafür ruhig auch über Persönliches online zu sprechen, Privates jedoch möglichst nicht nach außen zu kehren. Hier geht es jedoch um ein medizinisches Thema. Ist das von der Natur her privat und nicht mehr nur persönlich? Welchen Vor- oder Nachteil hat es öffentlich darüber zu sprechen?

Was privat ist und privat bleiben soll, muss natürlich jeder für sich entscheiden. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema ist ein großes Anliegen von Jeff Jarvis, der in Deutschland damit meist auf Widerstand stößt. Denn gerade Deutschland, wo man sich ein "Verpixelungsrecht" in der Öffentlichkeit erstritt, nennt er immer wieder als Beispiel eines Landes, das Probleme mit dem Thema Öffentlichkeit hat (über seinen Begriff des "German Paradox" ist schon viel geschrieben worden, sogar ein wenig in meinem eigenen Blog. Seine Artikel mit dem Stichwort "Germany" finden sich hier).

Mit großer Bewunderung nahm ich Jarvis' Geschichte über seine Prostatakrebserkrankung zur Kenntnis. Er hatte berichtet, wie sehr es ihm damals half auch in der Öffentlichkeit über dieses persönliche medizinische Problem zu reden, welch Dialog daraus entstand. Es ist das Paradebeispiel dafür, wie Öffentlichkeit (publicness) in einer solchen, sonst eher privaten Angelegenheit nicht nur der Person, die es erlebt, sondern auch anderen Menschen helfen kann. In seinem Blogartikel vom 10. August 2009 sprach Jarvis erstmals von seinem Krebs. Berühmt wurde vor allem sein "Penis Post" in dem er am 16. Oktober 2009 über die Folgen seiner Prostatakrebsbehandlung schrieb und viel Respekt dafür bekam. In den Kommentaren seines Artikeln erzählten andere Menschen von ihren Erfahrungen. All das brach eine Lanze für die Prostatakrebsvorsorge. Wer noch mehr von Jarvis zum Thema lesen möchte, lese hier: http://www.buzzmachine.com/tag/prostate/

Bei meiner kürzlichen medizinischen Erfahrung ging es um nichts auch nur annähernd Dramatisches wie bei Jeff Jarvis. Dennoch zögerte ich zuerst darüber etwas zu schreiben, obwohl mir sein Paradebeispiel immer ein Vorbild ist. Vielleicht, weil es darum ging, dass ich mir einen eitrigen Abszess, der vielleicht schon eine Fistel gebildet hatte, am Gesäß operativ entfernen lassen musste. Das wirkt im ersten Moment peinlich. Wer redet schon gerne über seinen Hintern. Was werden andere von mir denken, dass ich da etwas hatte, was raus operiert werden müsste? Würden die anderen, denen ich sagte "mir wurde eine etwa faustgroße Abszess aus dem Gesäß entfernt" das googlen, die scheußlichen Fotos solcher Dinger finden und sich fortan angewidert von mir abwenden?

Doch je mehr ich mir selbst klar wurde, dass es a) ein ganz normaler medizinischer Vorgang ist, b) es jedem passieren könnte (jeder hat schließlich einen Hintern und so ein eingeschlossener Abszess ist nichts Seltenes) und c) mir das Vorbild von Jeff Jarvis mit seiner viel gravierenderen Erkrankung mit deutlich unangenehmeren Folgen vorschwebte, desto klarer wurde mir auch, dass es auch ehrlicher und besser wäre einfach die Wahrheit zu sagen. Ausserdem hatte ich quasi noch während des Aufwachens getwittert "Von Vollnarkose aufgewacht und draußen stürmts" und auch den Tropf als Instagram Foto hinterher getwittert, an dem ich hing. Da könnte man ja sonst auch auf schlimmere Ideen kommen, wenn man irgendwo hört oder liest, ich sei unter Vollnarkose operiert worden, nur nicht weiß warum.

Es ist also jetzt raus, also sowohl das, was in meinem Körper wuchs und anfing mich von innen zu vergiften (der Bluttest in der Klinik wies am Freitag eine erhöhte Zahl von Leukozyten auf, was auf einen sich über die Blutbahn verbreitenden Infekt hinwies und die Ärzte zu sofortiger Operation veranlasste als auch die letztlich unspektakuläre Nachricht darüber. Zum Glück hatte ich Freitag nur eine Nudelsuppe gegessen. Denn eigentlich soll man für eine solche Vollnarkose ja vollkommen nüchtern sein.

Nach den oben genannten, unspezifizierten Meldungen über Twitter kamen natürlich gleich besorgte Rückmeldungen, so dass ich gleich ein wenig relativierte: "Danke für eure tweets. Alles halb so wild. Habe ja euch dabei. Wenn ich wieder daheim bin aus Krankenhaus blogge ich darüber" und hinterher schob: "Euch allen danke für die guten Wünsche! War ein (überraschender) chirurgischer Eingriff aber ich fühle mich wohl. Morgen o. Überm. Zuhause."

Auch das im Podcast so wichtige Thema Gurken, durfte im Krankenhauszimmer nicht fehlen: Foto "Wichtige Behandlungsmittel"

Bei Facebook, wo ich die Meldungen allerdings nur in "bestimmten Kreisen" veröffentlichte, war die Resonanz groß. Ich danke hiermit allen herzlich für die Anteilnahme, die guten Wünsche und die humorvolle Art, mit der Ihr meine lockereren Tweets und Posts zum Thema kommentiert habt. Im allerbesten Stil des Netzes hat Andreas Pfeifer mein Foto meiner thrombosebestrümften Beine zu einem Cartoon verwandelt und mich sehr zum Lachen gebracht:

#alttext#



Überhaupt waren meine Freunde Dank sozialer Netzwerke quasi immer mit dabei, so dass mir in meinem Krankenhauseinzelzimmer niemals langweilig wurde. Überhaupt war mein online "social graph" viel besser informiert als so manch Bekannter, der sich eben nicht in den Weltnetzen bewegt.

Fazit

Mir haben diese 3-4 Tage in der Abgeschiedenheit gezeigt, wie viel Halt einem seine Netze geben können. Freunde aus dem Netz, von denen ich ohnehin schon einige im "realen Leben" kennen und schätzen gelernt habe, nahmen Anteil an dem was mir passierte und unterstützten mich. Aber auch die Kommentare und Tweets derer, die ich noch nicht so gut online kannte machten mir Freude und ich habe das Gefühl, dass diese die Freundschaften ein wenig vertieften. In Sekundenschnelle aktivierte sich so mein Netz an Unterstützern, die mir - vor allem in der etwas unsicheren Zeit nach dem ersten Erwachen aus der Vollnarkose - Halt gaben.

Jeff Jarvis' Ehrlichkeit über seine Erkrankung, deren Behandlung und Nebenwirkungen führten in nicht wenigen Fällen dazu, das andere sich untersuchen, oder endlich behandeln ließen. Soweit will ich mit meinem Allerweltsabszess im Hintern natürlich nicht gehen. Was von dem Vorfall medizinisch für mich übrig geblieben ist: Alle paar Stunden wechsele ich die Kompresse am Gesäß und einmal täglich muss ich zum Hausarzt, der die innere Kompresse (die Drainage) in der Operationswunde austauscht. Das ganze soll nämlich langsam drainieren und heilen. Ich weiß selbst noch nicht wie lang das noch dauert. Schmerzen habe ich jedenfalls nicht (außer wenn die innere Kompresse ausgetauscht wird). Ich laufe nur ein wenig komisch mit so einem dicken Verband in der Unterhose. Mein Fazit bzw. Empfehlung für andere: Wenn Ihr einen Buckel unter der Haut habt, besonders, wenn dieser an potentiell unangenehmer Stelle tief unter der Haut sitzt, geht zum Arzt. Auch wenn er von alleine nicht weh tut und man nach aussen hin nichts sieht. Ein solcher Abszess kann sich sonst durch die Blutbahn auf den Rest des Körpers ausbreiten und verheerende Folgen haben. Und ein Buckel am Gesäß ist nichts Peinliches. Jeder hat einen Hintern und gerade medizinisch geschultes Fachpersonal ist es wurscht, ob wir etwas am Hintern haben. Die haben schon viel, viel Schlimmeres gesehen….

Was meinen Sie? Bin ich mit diesem Beitrag über meine Fistel zu weit gegangen? Wenn ja: Warum haben Sie dann trotzdem nach dem ersten Absatz ("Warnung") weiter gelesen? Welche Meinungen haben Sie zum Thema?

Nach Hippokrates: „Ubi pus, ibi evacua.“ - „Wo Eiter ist, dort entleere ihn.“ (aus dem oben verlinkten Wikipedia Artikel zum Abszess).

6 Kommentare:

  1. Alles ist menschlich, auch wenn die Besuche im Krankenhaus gar nicht so göttlich ablaufen.

    Ich wollte weiterlesen, weil ich wusste, dass ich etwas Neues erfahren/lernen würde.

    Nein, das Thema ist ganz normal. Den Titel zur Post finde ich super.

    Anhand der Thrombose Strümpfe war ja nicht zu erkennen worum es sich handelte. Bis jetzt.

    Seltsam, ich hatte vor zwei Wochen einen eitrigen Abszess mit Besuch beim Notzahnarzt. Aufschneiden, Drainage legen, usw.
    Mein "Buckel" war riesig und heiß, ich sah aus wie Quasimodo. Und je mehr mitleidige Blicke ich bekam, umso gebückter lief ich auch.

    Das war nur so nebenbei.

    Jarvis bekam Kommentare zu seiner Penis post, du kriegst vielleicht jetzt welche über Fistel/Abszess Erfahrungen. Nummer #1 ist schon eingetroffen:-)

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  2. Ich habe ja gar nicht geahnt wieviel Philosophie in einem Abszess am Hintern stecken kann.
    Du schaffst es mit deinen Blog-, Twitter- und FB-Posts immer wieder mich zum Nachdenken zu bringen. Selbst über so banale Dinge.
    Ich schaffe das im realen Leben nicht - du scheinst das tagtäglich zu tun.
    Danke dafür.

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  3. Maria als Quasimodo! Köstlich!

    Frank, danke für Deinen Kommentar. Ja, es steckt viel interessantes in scheinbar unscheinbar Dingen. Mir hilft es einfach los zu schreiben, auch wenn am Ende meist mindestens 50% Schmarrn daraus kommt. Lieber "gebrüllt" und mal korrigiert werden, als still bleiben und mit seinem Unwissen sterben... ;-)

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  4. ..Abszesse hatte ich auch schon ein paar. Da ich auch etwas hart gesottener bin, habe ich absolut keine Probleme, über solche Themen zu reden. :)

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  5. Kenne aus beruflicher Erfahrung viele Patienten denen eine solche Sache mehr als peinlich ist. Sie ist auf jeden Fall sehr unangenehm für den Betroffenen.

    Ich halte es für völlig in Ordnung wenn du damit in die Öffentlichkeit gehst, vor allem wenn es dir hilft!
    Ob ich genauso handeln würde kann ich erst in der konkreten Situation sagen.

    Weiterhin gute Besserung und hoffe auf kein Rezidiv!!!

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  6. Kompliment Alexander. Wie immer ein vorzügliches Blog-Post. Sehr amüsant wie Du mit Deinem Po, Fisteln, Drainagen & Co. umgehst. Ich für meinen Teil musste schmunzeln. Ich wünsche Dir weiter gute Besserung und lass Dich von Deinen Lieben während der Feiertage, so ganz ohne Hinter-Gedanken ;-), rundum verwöhnen.

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