Freitag, 25. November 2011

Gatekeeper waren gestern

Vortrag von Klemens Skibicki in Schweinfurt

Mein Freund und Podcastkollege Florian Kohl nahm mich gestern mit zu einem Vortrag bei der Sparkasse Schweinfurt. Geladen waren die Firmenkunden der vor wenigen Jahren fusionierten Sparkasse der Region Schweinfurt Stadt und Land. Die Crème de la Crème der regionalen business elite also war dort anwesend. Glaube ich. Der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse, Johannes Rieger, versäumte es daher auch nicht, die Sparkasse vor zu stellen. Dies geschah durch ein Video, dass jedoch für YouTube wegen seiner Länge als ungeeignet eingestuft würde und deswegen auch für die rund 240 Anwesenden im Saal wohl eher als Pflicht, denn als Kür gesehen wurde. Doch dann stellte Rieger den Redner des Abends, Prof. Dr. Klemens Skibicki, vor. Er freute sich darüber, dass dieser seinen Vortrag nicht werde überziehen können, weil er noch am gleichen Abend mit dem Zug zurück nach Köln fahre. Rieger betonte auch, dass Skibicki eine "richtige" Ausbildung hinter sich habe (BWL und VWL Diplome) und gar im Fach Wirtschaftsgeschichte promovierte. Kein dahergelaufener Internetfuzzi also...

Noch bevor der Vortrag begann twitterte ich, dass Florian und ich vorne rechts sitzen, so dass unser Twitterfreund @Halluxinfo (der Schweinfurter Orthopäde Dr. Stefan Feiler) uns noch kurz aufsuchen konnte für eine kurze Begrüßung. Interessant fand ich, dass all diejenigen, die ihre iPhones und iPads während des Vortrags auf dem Schoß hatten, in den ersten 3 Reihen zu sitzen schienen…

Aber nun zum Vortrag selbst:

Klemens Skibicki stellte sich als einer, der zum Thema "Industrialisierung Oberschlesiens im 18. und 19. Jahrunderts" promoviert hat, humorvoll als "Fachmann für das Internet" vor. In der Tat hat er sich aber das Thema Social Web schon früh auf die Fahnen geschrieben und dieses - auch mit Unterstützung vieler Studenten, die zum Beispiel Facebookprofile analysierten - wissenschaftlich untersucht. Entstanden ist daraus eine Beratungstätigkeit für die "big player" der deutschen Industrie und Wirtschaft sowie zahlreiche "speaking engagements" wie das des gestrigen Abends. So zahlreich sind diese Vorträge, dass er nach sechs oder sieben veröffentlichten Büchern nun keine Zeit mehr zum schreiben hat. Leider fehlt wohl auch die Zeit zum Befüllen des eigenen Social Media Blogs, denn der letzte Eintrag dort ist nach heutigem Stand vom 7. September 2010.

Wichtiger als sein Blog ist wohl aber Skibickis Tätigkeit als Social Media Evangelist für Wirtschaft und Mittelstand, weswegen er ja auch von der Sparkasse nach Schweinfurt - wo er zum ersten (hoffentlich nicht letzten?) mal gewesen ist - geladen wurde. Der Titel seines Vortrags "Die Social Media Revolution - Facebook, Twitter & Co. - Verstehen oder untergehen" sollte wohl auch ein wenig provozieren oder wach rütteln. Ich muss gestehen, dass ich noch keine allzu große Hoffnung habe, dass die Schweinfurter "crowd" den transparenten Dialog mit ihren Kunden suchen wird bzw. sich darauf einlassen wird. Zu stark werden noch die Reaktionen der Menschen sein, die auch Skibicki immer wieder als Beispiele anführte, warum sich Menschen gegen Veränderung wehren. Auch wenn diese Veränderung gar nicht mehr auf zu halten ist.

Klemens Skibicki ging aber auch auf die Motive derer ein, die das Social Web bereits aktiv nutzen. Neben dem offensichtlichen (und laut seiner Recherche auch zahlenmäßig stark vertretenen) Drang zur Selbstdarstellung, sei die Informationssuche bei Freunden ein wichtiger Faktor. Das ist es, was das Social Web natürlich auch für Firmen und ihre Produkte und Dienstleistungen so wichtig macht. Denn es wird darin darüber geredet, ob man will oder nicht. Empfehlungen und Informationsaustausch gibt es jetzt direkt zwischen den Menschen. Die Torhüter Fernsehen, Radio, Zeitung etc., die uns früher durch Werbung mitgeteilt haben welche Dinge wir gut finden und kaufen sollen, haben an Bedeutung verloren. Wir vertrauen den Meinungen unserer Freunde und Bekannten viel mehr. Soziale Netzwerke geben uns die technische Möglichkeit, diese Informationen auch auszutauschen.

Skibicki erklärte anhand seiner Kriterien eines "Menschlichkeitstests" warum soziale Medien wie Facebook und Co. so erfolgreich sind: Die hier statt findende Kommunikation trägt Züge von Lebendigkeit und Fleischlichkeit (wir sind für einander "greifbar"). Auch spielen Ästhetik, Mobilität und Einfachheit eine Rolle beim Erfolg dieser Medien. Vor allem aber funktioniert es, weil wir soziale Wesen sind: Wir Menschen sind geprägt von Neugier und dem Wunsch nach Interaktion, Anerkennung, Liebe und dem Bedürfnis nach Mitteilung und Zuhören. Skibicki rät dazu die Kommunikation im Social Web so zu führen, als seien wir auf einer Gartenparty. Dort würden wir schließlich auch nicht jedem, der uns über den Weg läuft, zuerst unser Produkt verkaufen wollen. Auf die Pflege der Beziehungen kommt es an. Es geht um vertrauenswürdige Kommunikation. Werbung war gestern. Gatekeeper waren gestern.

Gut, das ist natürlich alles nicht (mehr) neu und ich habe hier im Schlossblog ja schon oft über diese Themen geschrieben (Artikel mit dem Stichwort "Medien") oder selbst auf Konferenzen als Redner beschrieben. Was für Schweinfurt und Umgebung durch den gestrigen Vortrag Skibickis aber vielleicht erst möglich wird, ist ein erstes Umdenken. Die Sparkasse hat, mit ihrem Vorstandsvorsitzenden vorne weg, ihren Kunden gegenüber dem Thema "Social Media" durch den Vortrag Skibickis Legitimität verliehen. Das hilft dem einen oder anderen Unternehmer vielleicht doch mal über das Thema "offene Kommunikation und Kollaboration mit Kunden, Lieferanten und Partnern" überhaupt erst nach zu denken. Der Vortrag hat zumindest hoffentlich einige der 480 anwesenden Augen dafür geöffnet, dass man "privat" (bzw. persönlich) und "beruflich" in einer vernetzten Welt nicht mehr wirklich trennen kann (und in vielen Dingen auch nicht sollte; lasst uns doch einfach Menschen sein!).

Leider war es in den Veranstaltungsräumen der Sparkasse nach kurzer Zeit unerträglich warm und stickig. Es waren schließlich nicht nur 480 Augen im Raum zu gegen, sondern auch 240 kleine Blockheizkraftwerke. Als Veranstalter weiß ich aber selbst, wie schwierig es ist perfekte Raumkonditionen bei großen Besucherzahlen her zu stellen bzw. zu regulieren. Ich danke der Sparkasse jedenfalls ausdrücklich, dass sie gerade diesen Vortrag für ihre Firmenkunden auswählte und möglich machte. Anschließend bewirtete die Sparkasse uns auch noch mit Häppchen und Getränken, die vom Team von Herrn Schimitschek (Warmuth Partyservice) serviert wurden. Vielen Dank!

Bereits auf dem Heimweg aus dem Zug heraus hat Klemens Skibicki sich mit mir vernetzt. Bei Facebook sind wir jetzt "Freunde" und er ist bereits "Fan" der Schloss Fanpage geworden. Ich werde durch seine Facebook Posts nun am Rande weiterhin mitbekommen, wo er überall unterwegs ist und kann ihn und seine Vorträge durch ein "like" oder einen Kommentar empfehlen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich unsere Wege mal wieder kreuzen sind durch diese Vernetzung um ein Vielfaches gestiegen. Früher hätte man sich vielleicht eine Visitenkarte entgegen geschoben. Doch was ist aus all diesen Visitenkarten in der Schublade geworden? Möge ein jeder in seiner eigenen Schublade kramen und darüber nachdenken...

#alttext#

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen