Sonntag, 17. Juli 2011

Mobile Applikationen im Tourismus

Ein Plädoyer und offene Fragen


Kürzlich wurde ich als im Social Web aktiver Hotelier von einer Studentin für ihre Bachelorarbeit zum Thema "Smartphones, mobile Applikationen und dessen Potenziale für den touristischen Vertrieb" befragt. Wer mich meint zu kennen, wird vermuten, dass ich Feuer und Flamme für Smartphone Apps (=Applikationen bzw. Anwendungen/Programme) bin. Das stimmt. Aber nur zum Teil. Ich nutze einige touristische Apps gern und regelmäßig (als Reisender). Das sind aber dann in erster Linie Apps wie die der Bewertungsportale oder Fahrplanauskünfte (Qype, Deutsche Bahn etc.). Ich kann mir jedoch kaum vorstellen eine App eines Hotels dauerhaft auf meinem Smartphone (zugegeben: Ich habe gar kein Smartphone; dafür aber ein iPad) zu installieren oder gar zu nutzen. Und auch die Apps der touristischen Destinationen, die ich bislang kennen gelernt habe, bieten mir (auf den ersten und zweiten Blick) keinen Mehrwert gegenüber ihrer sonstigen Webinhalte.


Dennoch bin ich ein starker Verfechter des "mobile web". Ich glaube schon, dass die Menschen zunehmend mobil (also von unterwegs und/oder von mobilen Endgeräten aus) ins Netz gehen (werden), um sich über touristische Inhalte zu informieren. Ich glaube nur nicht, dass (auf dem jeweiligen Gerät native) Apps dazu erforderlich sind. Vielmehr werden sogenannte "web apps", die platformunabhängig funktionieren immer wichtiger werden bzw. Inhalte auf Internetseiten, die für mobile Geräte optimiert worden sind. Eine solche web-app (im Bereich regionale kulturelle Veranstaltungen) haben Florian Kohl und ich erst neulich in unserem Podcast Schweinfurtundso.de vorgestellt bzw. ließen Auftraggeberin und Entwickler zu Wort kommen: kulturello.de. Dort entscheidet ein Redaktionsteam der regionalen Kulturzeitschrift Leporello was in den Kalender aufgenommen wird und was nicht. Als Veranstalter kann ich jedoch auch selbst Veranstaltungen in ein regionales Veranstaltungsportal einpflegen: frankentipps.de. Mein Vorteil als Veranstalter hier: Ich kann diese Veranstaltungen aus diesem Portal selbst auch wieder importieren und aggregieren, was ich zum Beispiel auf dieser Seite tue:
http://flavors.me/barockschloss (Ja, der Dienst von frankentipps ist kostenpflichtig, mit 20 Cent pro eingetragener Veranstaltung jedoch sehr überschaubar. Auch bietet Frankentipps zusätzlich einen Ticketverkaufsservice, auch zu erschwinglichen Konditionen).


Weil ich selbst eher an die Wichtigkeit der mobilverträglichen Darstellung von Webinhalten auf mobilen Endgeräten glaube, als an betriebssystembasierte Apps, werde so schnell keine eigene iPhone oder Android App in Auftrag geben. Das auch, weil ich nicht glaube, dass Reisende wirklich mit einer Schwemme von Apps auf Leistungsträgerebene überfordert werden wollen. Eine solche App müsste schon einen erheblichen Mehrwert bieten, bevor sie sich jemand auf sein Smartphone lädt, geschweige denn regelmäßig öffnet.


Viel wichtiger, aber, als die Beschäftigung der "Leistungsträger" mit diesem Thema, aber, wäre es, dass die touristischen Marketing Organisationen und Destinationen (TMO/DMO) dies täten. Diese schmoren alle noch in ihrem jeweils eigenen Saft. Alleine in unserer Region bastelt fast jede Kommune und/oder Landkreis an ihrem eignen System (das zumal immer wieder verändert und ersetzt wird). Anstatt auf einheitliche Standards zu setzen, versucht jeder sein eigenes Buchungs- und/oder Informationsportal aufzubauen. Dort sind dann noch nicht mal alle Leistungsträger enthalten, sondern nur diejenigen, die sich halt zufällig für das eine oder andere (meist kostenpflichtige) Portal entscheiden. Nicht einmal bei Veranstaltungsmeldungen gibt es einheitliche Portale und die RegionalmanagerInnen kämpfen jährlich mit Bergen an Daten, die einzupflegen sind (ohne dass man genau weiß, ob diese auch beim Endverbraucher ankommen bzw. abgerufen werden).


Ich stoße mit meinen Beobachtungen und Empfehlungen zu diesem Thema jedoch schon seit Jahren auf taube Ohren (nicht nur bei Touristikern, sondern auch im brancheneigenen Verband). So fehlt dem Zimmerbuchungsportal des eigenen Landkreises Schweinfurt zum Beispiel die XML-Schnittstelle, die es erlauben würde Zimmerkontingente mittels sogenannter "channel manager" zu pflegen - ein absolutes Muss, wenn man nicht nur einen "Kanal" (bei Landkreis/Stadt) manuell pflegen möchte (und welchen Sinn macht das schon?).


Anderen geht es ähnlich. Dabei läge in einem gemeinsamen, Landkreisübergreifenden Datenpool ein immenses Potential, ein riesiger Mehrwert für den potentiellen Gast und Reisenden. In Zeiten von Datenschnittstellen/APIs, RSS- und XML-Feeds etc. dürfte es eigentlich auch kein Problem mehr sein das hin zu bekommen.



Ein paar Vermutungen...



Im Interview mit der Studentin, die nun kurz vor ihrem Abschluss steht und vielleicht auch bald bei einer TMO/DMO ihre Arbeit aufnehmen wird, wurde mir aber wieder klar, warum das bei (kommunalen) Touristikern wohl so ist. Zumindest kamen mir einige Vermutungen:


a) Man vermutet hinter Veränderungsprozessen erhöhten Aufwand und somit erhöhte Kosten, von denen man meint, sie bei den kommunalen (politischen) Auftraggebern nicht genehmigt zu bekommen;


b) Es funktioniert doch alles "bestens" wie es ist. Warum noch etwas ändern?


c) Man fürchtet den Verlust der Datenhoheit bzw. der Transparenz der Buchungskanäle (kommt die Anfrage nicht durch die DMO bzw. das eigene Buchungssystem, kann diese nicht gezählt werden und fehlt dann als Argument/Rechtfertigung für die eigene Arbeit);


d) Man misst dem mobilen Internet noch nicht die Bedeutung bei, die es hat bzw. gewinnt, weil man als Touristiker selbst auch noch kein Smartphone hat oder mobile Dienste nutzt (Hotelbewertungsportale und andere Auskunftsdienste, die per GPS ortsbasiert abgerufen werden können);


e) Man betrachtet es schon für wichtig, hat aber selbst schon die Hoffnung aufgegeben, dass es in der eigenen Region so etwas wie flächendeckende UMTS (bzw. EDGE/LTE) Anbindung geben wird, geschweige denn Leistungsträger (Hotels, Restaurants) oder auch TIs geben wird, die ihren Gästen kostenlose WLAN Hotspots anbieten werden.


Oder was sind die wahren Gründe, warum es die meisten Touristiker auf DMO/TMO Ebene nicht schaffen die Möglichkeiten des mobilen Internets Grenzübergreifend zu nutzen? Vom echten Dialog mittels Social Media wollen wir erst gar nicht reden...

Eure Meinung ist gefragt...



Daher nochmal meine Frage (an potentiell reisende Menschen und an die Experten aus der Tourismusbranche gleichermaßen):  Was sind die wahren Gründe, warum es noch nicht funktioniert z.B. frankenweit einheitliche webbasierte Informationssysteme zu schaffen (anstatt unzähliger unterschiedlicher und miteinander inkompatibler Insellösungen)? Noch wichtiger: Wie kann man dieses Problem lösen? Was muss man den Verantwortlichen sagen, damit sie einlenken und sich in diese Richtung weiter entwickeln?


Vielleicht habe ich Eurer Meinung nach ja auch Unrecht mit meinen Behauptungen und Vermutungen. Dann teilt mir bitte auch das mit. Es kann jedoch sein, dass ich auf die Kommentare und Antworten erst später antworten kann, da ich mir nun selbst ein paar Tage Urlaub gönnen werde. Und, ja, ich werde dort vor Ort testen, wie gut ich mich mobil per Internet informieren kann.

Disclaimer:

Ich kenne die Personen hinter den oben genannten Diensten kulturello.de (Entwickler Gerrit van Aaken und Auftraggeberin Susanna Khoury) sowie frankentipps.de (Klaus Wolfrum) persönlich. Meine Erwähnung/Empfehlung dieser Dienste beruht jedoch nicht auf dieser Bekanntschaft und Freundschaft.
Ich spreche hier nicht (nur) Touristiker in der eigenen Region an, die ich zum Teil sehr gut kenne und schätze, sondern die Branche an sich. Teilnahme an den Tourismuscamps und intensive Gespräche mit Kollegen zeigen, dass dies kein allein regionales Problem ist.
Tourist Information

 

4 Kommentare:

  1. Auch das Verständnis des Medienwandels ist nicht zu vernachlässigen.

    Während früher bis heute Medien und Organisationen von Kommunen sehr proaktiv z.B. Veranstaltungskalender erstellten (Termine einholten), müssen Veranstalter/Organisationen heute neben ihrer eigenen Webbaustelle noch selbst aktiv andere Medienkanäle bedienen (verwalten). Da krempelt sich ein ganer Prozess um.

    Vom Bereich der Zimmervermittlung habe ich jetzt weniger Ahnung (Zimmernachweis hieß das glaub ich mal früher). Da gabs für den Zimmeranbieter ein Fremdenverkehrsamt, Meldung absetzen wahrsch. und fertig. Der Rest wurde einem im Gro0en und Ganzen abgenommen (oder?) "So" lange ist das ja noch nicht her.

    Mit dem Internet hat die Anbieter-Medienvielfalt dramatisch zugenommen. Auch zwangsläufig (bereichernd) die dahinter stehenden Geschäftsmodelle und eigenen Interessen (z.B. Datennutzungs- und Verwertungsrechte).

    Für den Hotelier wie für den Veranstalter und auch einer Tourismusorganisation wird es eine immer wichtigere und größere (personelle) Herausforderung werden, mehrere Systeme (Medien) proaktiv zu verwalten. Auch die Medienkompetenz ist sicher ein Thema. Es ist sicher nicht nur ein zeitliches Problem für den ein oder anderen Gastronom, auf einmal Datenmanagementsysteme etc. selbst bedienen zu müssen. Manche sind nämlich zudem auch alles andere als handlich...

    Der Wunsch nach einer einmaligen/einheitlichen Datenkommunikation wird hier Wunsch bleiben.

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  2. Ich muss Dir zu 100% zustimmen - eine eigene App für einen Betrieb oder eine Region ist in meinen Augen etwas Sinnfrei. Jedes Problemchen als iFurz App zu veröffentlichen dürfte eher dem Ego des App-Programmierers helfen als den Personen, die es verwenden. Zumal ich es als Besitzer eines Minderheiten-Smartphones nicht nachvollziehen kann, warum Geld in die Entwicklung eines Apps exklusiv für ein Betriebssystem gesteckt wird, das letztendlich nichts anderes macht, als speziell angepasste HTML-Informationen aufzubereiten. Das kann man auch als Smartphonetaugliche Webseite erstellen. Davon haben mehr Leute etwas.
    Ein Problem dürfte die Standardisierung eines Datenmodells für den Austausch von Informationen (Veranstaltungen, Buchungen, etc.) sein. Jeder Portalbetreiber möchte/muss sich durch exklusive Inhalte von anderen Portalen abgrenzen. Dem Anbieter (Veranstaltungsort, Hotel, Restaurant, ...) bleibt mangels Standard keine Alternative. Und selbst wenn Portale eine einfache Einbindungsmöglichkeit der Daten anbietet: Wie ein Kollege schon mal sagte: "Das schöne an Standards ist es, dass es so viele davon gibt." Sprich: Die Marktmacht fehlt, und jeder Portalbetreiber bietet hier andere, konträre Lösungen an.
    Den Anbietern möchte ich auch unterstellen, technisch nicht so fit zu sein, um validen XML-Code zu erzeugen oder in einem Code erzeugen zu lassen, der - auch mangels Standard - verwendet werden kann. Einfache Lösungen sehe ich hier entweder in Microformaten (http://microformats.org) oder ein Informationsbroker, der quasi als Zwischenglied zwischen Informationsanbieter und Portalen entsprechende Dienste anbieten kann. Dieser hätte ggf. auch die Macht, echte Standards zu im plementieren.
    Ich fürchte, weder Portalanbietern noch betroffene Touristikanbietern erschließt sich wirklich der Vorteil eines einheitlichen Austauschstandards. Der Leidtragende ist in erster Linie der Veranstalter, der seine Angebote vermarkten muss.

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  3. Erst zwei Kommentare und alles, was ich sagen wollte, ist bereits gesagt :-( Bleibt mir nur hinzuzufügen, dass es hier in Ö wohl nicht anders ist.

    Vielleicht ergänzend dazu:

    Mobile Web-Inhalte werden immer wichtiger (auch für Restaurants - siehe bspw. meine eigene Homepage, die unter m.cafe-reisinger.at mobil verfügbar ist und derzeit bereits rund 1/3 aller Zugriffe verzeichnet). Apps sind m.E. nur dann interessant, wenn darüber ein kostenpflichtiger Dienst angeboten wird und/oder die Marketingleistung des App-Store-Anbieters immens wichtig ist.

    Microformate sehe ich auch als möglichen Lösungsweg. Allerdings wird das wohl noch einige Jahre dauern, bis die Kenntnis darüber bis zu den Verwantwortlichen diffundiert ist.

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  4. Nachtrag: Im folgenden Blogartikel habe ich meine Nutzung von mobilen Apps im Urlaub im Fichtelgebirge unter die Lupe genommen: Artikel

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