Dienstag, 19. April 2011

Ein richtiges Buch

Schlossblogbeitrag von Marina v. Halem

Also, ich kann auch über andere Dinge sprechen oder schreiben als immer nur über den Schlossgarten. Obwohl ich das sehr gerne tue, denn hunderte von Osterglocken überstrahlen das Wiesengrün mit ihrem Gelb; rote und gelbe Tulpen setzen fröhliche Farbflecken in die grünen Inseln von Frauenmantel und Wolfsmilch; silbrige Blättchen umfangen die blass-violetten Blüten der Kuhschelle; tausend weiße Blütchen übersäen den Spireenbusch; die Hyazinthen duften .... betörend, würde Goethe sagen. Da sind wir bei der Literatur. Seit etwa 25 Jahren führe ich für die Volkshochschule einen Literaturkreis. Unsere letzte Lektüre war Martin Walsers Roman "Ein liebender Mann" über die Liebe des 73jährigen Goethe zu der 19jährigen Ulrike von Leventzow. Die frech-furchtlose Elke Heidenreich hatte die Spätwerke von Grass und Walser als "ekelhafte Altmännerliteratur" bezeichnet, hatte aber nach dem Erscheinen von "Ein liebender Mann" ihr Urteil über Walser revidiert. Das Meininger Theater hat dieses Stück über Goethes leidenschaftliche letzte Liebe auf die Bühne gebracht. Theaterstück und Buch sind wunderbar! "Was ein richtiges Buch ist", schreibt Kurt Tucholsky, "das muss den ganzen Haushalt durcheinanderbringen: die Familie prügelt sich, wer es weiterlesen darf, die Temperatur ist beängstigend, und Mittag wird überhaupt nicht mehr gekocht."

Ihre
Marina v. Halem

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