Freitag, 18. März 2011

Die Kunst des Erzählens

Erzählseminar mit Dr. Norbert Kober


Das Thema Storytelling begleitet mich schon länger und taucht daher an jeder Ecke auf. Ein besonderer Glücksfall war es, dass ich am vergangenen Mittwoch als Gästeführer Weinerlebnis Franken an einem vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten geförderten Seminar des Erzählkünstlers Dr. Norbert J. Kober teilnehmen durfte.

Norbert Kober unterrichtet u.a. an der Goldmund Erzählakademie in München. Den 45 Damen und 5 Herren des Seminars (ein Netzwerktag der AnbieterInnen erlebnisorientierter Angebote in Weinbau und Landwirtschaft) bereite Norbert Kober in der Kürze des Eintagesseminars einen guten Überblick und Einstieg in das Erzählen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Norbert Kober begann immer mit der Praxis: Er erzählte und Geschichten (wobei das zu einseitig klingt, denn wir waren immer mittendrin und nicht nur "Publikum") bevor er dann die Theorie hinter dem Vorgetragenen erklärte. Schon sehr schnell lagen wir ihm zu Füßen und hätten ihm gerne noch stundenlang zugehört.

Zum Arbeiten mit Kindern führte er uns das bildgestützte Erzählen vor. Wichtig sind für Kinder vor allem auch die Dialoge in den Geschichten. Anstatt bei den Kindern Lösungen abzufragen, sollten wir immer nach deren Ideen fragen. Alle diese Antworten der Kinder sind richtig, alle Ideen werden zugelassen. Die etwaige Lösung oder den Fortgang der Geschichte erklärt der Geschichtenerzähler dann selbst. Wichtig sei bei der Arbeit mit Kindern auch, Spielregeln festzulegen, die es selbst den stilleren Kindern erlauben, sich zum Mitmachen zu trauen. So ist es hilfreich, die Antworten per Handzeichen abzufragen. Norbert Kober erläuterte auch die Tonusarbeit (Körperarbeit): Durch Mitmachen oder Ausrufen löst sich die Körperspannung der Kinder. Diese Bewegung entlastet sie und erlaubt es ihnen besser zuzuhören und mitzumachen. Theaterpädagogisch setzte er die Szenen um, indem er uns diese nachspielen ließ. Das funktionierte erstaunlich gut, obwohl wir das Kind in uns teilweise erst wieder entdecken mussten. Wichtig seien bei dem Geschichtenerzählen auch Rituale. So haben viele Geschichtenerzähler ihren eigenen ritualen Einstieg in die Erzählsituation. Sehr schön wird das in diesem Video mit Norbert Kober erklärt:



Anhand dieses Videos könnt Ihr Euch auch schon ganz gut vorstellen, wie gebannt wir unserem Erzähler zuhörten!

Für Kinder und Jugendliche ab dem Grundschulalter gab Norbert Kober uns einen Einstieg in die Theater-Erzählpädagogik. Diese partizipative Kunstform, in der Geschichten von möglichst allen Beteiligten szenisch umgesetzt werden, ermöglicht einen Wechsel der Beobachtungsperspektive. Jeder muss jeden anderen beobachten. Als Erzähler kann und muss man für diese Arbeit in die Stoffe/Texte eingreifen und diese verändern, um sie anzupassen. Geschichten müssen ggf. ausgedünnt werden und - wenn es droht langweilig zu werden - ein Plot erstellt werden. Der Geschichtenerzähler baut die Szenen dabei in einem Handlungsgefüge, in einem Beziehungsgeflecht auf. Den Firlefanz lässt man weg und erstellt dabei ein Gerüst. Was trägt die Geschichte? Was ist nur Dekoration? Sind darin noch zu viele literarische Schönheiten? Was ist die eigentliche Handlung? Die Geschichte sollte den Kindern vorher nicht bekannt sein oder nur rudimentär, um das Überraschungsmoment nicht vorweg zu nehmen. Ziel ist es die Kinder und Jugendlichen selbst zum Erzählen zu bringen. Die Sprache ist hierbei ästhetische Dimension, nicht nur Werkzeug.

Norbert Kober zeigte auf, wie man mittels eines selbst erstellten Geschichtsbaukastens mit Modulen und einem Gerüst (Protagonisten, Orte, Gegenspieler etc.) mit jeder Gruppe spielend leicht eine neue und nur für diese Gruppe spezifische Geschichte erarbeiten bzw. erspielen kann. Wichtig sei bei diesem theaterpädagogischen Ansatz, dass wir als Gruppe die Geschichte nur für uns spielen, nicht etwa, um sie für einen Auftritt einzustudieren.

Norbert Kober erklärte auch den typische Aufbau der Heldengeschichte, die mythologische Struktur vieler Geschichten des Abendlandes. Er legte uns das Storyboarding nahe, eine Technik über die ich im Zusammenhang der Erstellung von Präsentation ja schon zu Alexandra Graßlers Präsentation beim Knowledgecamp berichtete.

Es folgte eine Übung der Übersetzung einer schriftlichen Vorlage in eine mündliche Erzählung. Die so erarbeiteten Geschichten übten wir erst mit uns selbst und dann mehrmals in kleinen Arbeitsgruppen, ein Vorgang der immer besser wurde, weil wir zwischendurch wieder neue Tipps bekamen, wie wir die Geschichten lebendiger werden lassen konnten.

Zum Schluss übten wir auch das biographische Erzählen, was für die anwesenden Kräuterführer und Weingästeführer ja ein wichtiger Bestandteil ihrer Führungen ist. Die Übung kratzte so manche verschlossene Seelenstellen der Teilnehmerinnen an und ich bin mir sicher, dass diese Introspektion noch so manche Geschichte der Beteiligten lebendig werden lässt.

Ich habe jedenfalls wieder große Lust bekommen Geschichten zu erzählen: Meinen Kindern, natürlich, aber auch den Besuchern des Schlosses, im Rahmen von Schlossführungen. Da heißt es nun üben, üben, üben. Denn nur die Praxis macht einen besser.