Mein Fazit des Weintourismustags 2010
Vorgestern saßen wir mal alle wieder beisammen in Sachen Weintourismus: die Winzer, Hoteliers, Gastronomen, Gästeführer, Geschäftsführer und Beamten. Und, natürlich, die Weinkönigin und die Landrätin. Beim Weintourismustag für Franken
Wein.Schöner.Land! in Repperndorf bei der GWF (Winzergemeinschaft Franken).
Die Landrätin Tamara Bischof führte charmant in die Materie ein. Klar waren da auch viele Floskeln (Gesellschaftlicher Wertewandel... Konkurrenz durch andere Regionen... Klimawandel... Finanzkrise...) und Superlative zum Frankenwein dabei, aber sie ging auch auf die sich schnell ändernden Rahmenbedingungen und das neue Kommunikationsverhalten der Menschen ein (Facebook, Twitter, YouTube). Weinfranken liege an der Spitze Bayerns, was die Tagesausgaben der Touristen angehe. EUR 46,90 geben diese im Schnitt bei uns aus. Und die Übernachtungsstatistik sei mit 3,6% Zuwachs im vergangenen Jahr führend in Bayern. Neben den obligatorischen Zahlen und Fakten ging die Landrätin jedoch auch auf die erforderliche Servicequalität ein. Service bedeute Zeit zu opfern, sich Zeit für den Gast zu nehmen, weil man es gern und freiwillig tut. Sie erzählte, was Gäste unserer Region an dieser schätzen, indem Sie den für sie kurzfristig an diesem Tag eingesprungenen Fahrer, einem aus Nebraska stammenden Amerikaner, der in Kitzingen mit der U.S. Army hängen geblieben war, paraphrasierte: die Franken hätten eine große Lebenslust und Gastfreundschaft. Sie brachte es auf den Punkt: Franken leben die ganzheitliche Kultur des Genießens. Da liegen wir ja dann mit dem Weintourismus genau richtig!
Dr. Hermann Kolesch, neben Georg Bätz einer meiner "Gästeführerväter", der durch die Veranstaltung moderierte, lobte die besondere Gemeinschaft der im fränkischen Weintourismus aktiven Winzer, Gastronomen und Gastgeber. Das sei überhaupt nicht gewöhnlich. Auch Michael Schweinberger, Geschäftsführer der Winzergemeinschaft Franken und Vorsitzender des Arbeitskreises Markt beim Fränkischen Weinbauverband, lobte später gerade das als Alleinstellungsmerkmals Weinfrankens.
Nach den üblichen und erforderlichen Lobeshymnen und Dankesworten ging es dann jedoch an die Materie. Zum ersten Mal wurden beim Weintourismustag auch die sogenannten Social Media, das berüchtigte Web 2.0 vorgestellt: von
Daniel Amersdorffer von
Tourismuszukunft, den ich vom Tourismuscamp in Eichstätt schon persönlich kenne.
Ich möchte nicht zuviel von Daniels Präsentation verraten, auch wenn er sie mir freundlicherweise per E-Mail zur Verfügung gestellt hat. Schließlich sollen ja noch viele Weinbau- und Tourismusverbände die Beratungsfunktion von Tourismuszukunft (inzwischen ein 15-köpfiges Team um die drei Gründer Jens Oellrich, Florian Bauhuber und Daniel Amersdorffer) in Anspruch nehmen. Ein paar Hauptpunkte aus Daniels Vortrag möchte ich hier jedoch zum Wohl der Winzer, Gastronomen, Hoteliers, Gästeführer und Touristiker wiederholen. Auch wenn ich die Punkte teilweise anders formuliere und meinen Senf dazu gebe: die Grundideen sind von Daniel bzw. Tourismuszukunft:
1) Wichtiger als die Webseite ist heute die Webpräsenz. Kein starres, statisches Auftreten ist mehr gefragt, sondern Kommunikation auf ganzer Linie. Als schönes Beispiel nannte Daniel die Seite
Oberstaufen-Plus, die auf Schnickschnack verzichtet und an oberster Stelle den Einstieg zu den Social Media über Fotos, Videos, Facebook, Twitter etc. bietet.
2) Alle Branchen werden durch das Netz transparenter. Warum? Weil jede/r bereits unterwegs online bewerten kann und Fotos dazu hoch laden kann. Das erfordert einen besonderen Fokus auf die Qualität des Angebots, aber auch, dass man sich selber im Netz bewegt und auf Kommentare und Bewertungen eingeht.
3) Der "social graph" verdrängt die Werbung. Das heißt: wir achten zunehmend auf das, was andere, für uns wichtige und relevante Menschen uns empfehlen und immer weniger auf das "Geschrei" der Werbung. Was ist also notwendig? Laut Daniel: Ehrlichkeit, Authentizität und soziales Auftreten. Wir dürfen Social Media nicht im gewohnten marktschreierischen Format verwenden, sondern müssen Dialoge führen.
4) Menschen suchen zunehmend aktiv im Netz nach Inhalten und Angeboten. Das bedeutet eine große Chance im Wettbewerb für diejenigen, die Nischen besetzen und Produkte/Leistungen auch direkt vertreiben.
5) Menschen finden aber auch zufällig relevante Inhalte im Netz. Hier liegen die Chancen vor allem darin, Geschichten zu erzählen, die berühren. So kommt es zur Weiterempfehlung bzw. wird so zuerst eine Beziehung zum Potentiellen Gast aufgebaut.
6) Daniel sprach von der "sprechenden Organisation". Das ist ganz wichtig. Es darf keine "Internetabteilung" im klassischen Sinn geben, sondern wir müssen begreifen, dass wir und unsere Mitarbeiter das Gesicht und der Charakter des Unternehmens sind. Wir werden wahrgenommen durch unsere persönliche Kommunikation. Vorbei ist die Zeit statischer Seiten, die Produkte in den Vordergrund stellen. Menschen wollen mit Menschen zu tun haben. Mit echten Menschen, die sie sehen und verstehen können. Ich rate unseren TouristikerInnen daher schon lange, dass diese sich auch mit persönlichen Fotos, Statements und Geschichten auf den Seiten der Tourist-Information den Gästen präsentieren.
7) Erst heute hörte ich von einem/einer regionalen Bürgermeister/in, der/die nicht möchte, dass seine/ihre Mitarbeiter sich mit Facebook und Co. beschäftigen, weil dies nur eine Modeerscheinung sei. Das ist aber der abschließende Punkt von Daniels Präsentation: "Das Social Web ist kein Hype sondern eine Veränderung". Wer das nicht begreift, vergibt unnötig Chancen und steckt unnötig viel Geld in konventionelle Kanäle. Klar können wir die Augen zu machen und "weiter so!" predigen. Helfen wird uns das wenig.
Mit Statistiken aus den "internet facts 2009-II" vom
AGOF e.V. machte Daniel den Anwesenden etwas klar, das sie offensichtlich überrascht hat: Gerade im Bereich Tourismus und Reise suchen und buchen vor allem die Gäste im Alter von 50-59 Jahren über das Internet. Es sind also nicht die jungen Menschen, wie immer behauptet wird. Diese interessieren sich (noch) vorrangig für Musik-CDs, Kinokarten und Schuhe etc. Aber Menschen über 50 nutzen das Internet aktiv für die Reiseplanung. Das ist eine riesige Chance für den Weintourismus, eine Chance die noch brach liegt.
Mein persönliches Fazit? Dass ich Daniel und Team zustimme ist klar, zumindest für diejenigen, die schon länger das Schlossblog lesen. Schaffen wir es in Weinfranken die Politik, die Touristiker und die "Leistungsträger" von den Chancen des Social Web zu überzeugen? Ich glaube ehrlich gesagt nicht wirklich daran. Was nicht heißt, dass wir es nicht trotzdem versuchen sollten. Es gibt jedenfalls schon Erfolgsbeispiele wie Oberstaufen. Um von ihnen zu lernen erfordert es jedoch auch Lernbereitschaft. Wer das alles für eine "Modeerscheinung" hält, wird sich so schnell nicht überzeugen lassen.
Aber im Publikum war die Skepsis wohl noch groß. Internet mit Kommentarfunktion? "Da kann man mich ja diffamieren!" hieß es. Ja, man kann auch im Netz schlecht behandelt werden bzw. andere Leute schlecht behandeln, keine Frage. Daniel stellte aber sehr schön heraus, dass die meisten Kommentare in den Social Media oft eher positiv als negativ sind.
Wir stellen also fest: auch im Netz können die Menschen genauso garstig sein, wie im echten Leben. Nur dass es dann dort gegebenenfalls auch andere Menschen mitbekommen. Was ist also die Lösung? Den Kopf in den Sand stecken und aufgeben? Oder versuchen in erster Linie die Qualität zu verbessern, damit es gar keine Beschwerden erst gibt, und den Dialog mit den Gästen / Weinkunden suchen... Ja, das könnte funktionieren. Das war auch Daniels Empfehlung. Lieber etwas mehr Geld in die Qualität investieren, als in irgendwelche teueren Broschüren (was jedoch dem Marketingchef des Weinbauverbands später nicht so gefiel; schließlich warb er bei den Winzern für seine selbst als "Massenstreuer" titulierten Flyer).
Jedenfalls war die 55. Fränkische Weinkönigin, Melanie Unsleber, schon mal überzeugt und twitterte mir gegenüber noch während des Vortrags: "Hört gerade einen Vortrag über web 2.0 und wird heute Abend wohl einen Facebook-Account für die Fränkische Weinkönigin anlegen". So geschah es auch. Keine Facebookseite, aber immerhin ein öffentliches Profil (über die Vor- und Nachteile von Profilen bzw. Seiten handelt
dieser Artikel).
Der zuvor erwähnte Herr Schweinberger von der GWF erläuterte dann noch das Marketingerschließungskonzept des Weinbauverbandes für die Jahre 2011 bis 2013. Er zeigte auch bisherige Beispiele der Plakatwerbung in München in Verbindung mit den oben genannten Massenstreuer-Broschüren. Hauptzielmärkte der Frankenweinwerbung für die kommenden drei Jahre werden München und Hamburg sein. Interessant fand ich die Aussage, dass man speziell im St. Pauli Weinclub und bei der Homosexuellen-Szenenveranstaltung "Drink Pink" in München den Frankenwein bekannt machen wolle (nachzulesen im aktuellen
Newsletter des Weinbauverbands). Das hätte es noch vor wenigen Jahren wohl so nicht gegeben. Hut ab.
Wenn das jetzt mit den Social Media auch noch klappen würde...