Tourismus, Wein und Architektur
Nachdem wir letzte Woche über die Neuauflage eines touristischen Entwicklungskonzept für die Gemeinde mit diskutiert hatten, warf der Zeilitzheimer Winzer Reiner Mößlein mir am Sonntag eine Zeitschrift in den Briefkasten mit Anmerkungen zu einem interessanten Artikel: "Tourismus: Attraktivität steigern". Diesen konnte ich erst jetzt lesen, weil ihn sich vorher andere unter den Nagel gerissen hatten und ihn wohl interessiert studiert haben.
Dieser Artikel von Friedrich Lörcher erschien in der aktuellen Ausgabe von "Der Deutsche Weinbau", dem "offiziellen Organ des Deutschen Weinbauverbandes e.V.". Wenn ich in diesem Zusammenhang etwas von "Organen" lese wende ich mich meist ab, aber die Kernpunkte des Artikels sind für die fränkische Winzerschaft durchaus empfehlenswert.
Lörchers Hauptthese "Touristen fahren dorthin, wo es schön ist" mag sofort einleuchtend sein. Dennoch bin ich immer wieder überrascht darüber, wie Kommunen "Fremdenverkehr" betreiben (dieses Wort sagt eigentlich auch schon alles). Dass sich ländliche Gemeinden um die touristische Entwicklung ihrer Dörfer bemühen wollen liegt sicherlich daran, dass sie zumindest in Theorie erkannt haben, dass in Zeiten größerer Umstrukturierungen gerade im ländlichen Raum dieser den Menschen neue Einkommensmöglichkeiten bescheren können (müssen). Leider ist das Ergebnis oft nicht in den ersten Schritten die Schaffung von Orten, die "schön" sind. Grundprinzipien wie Ästhetik und Servicequalität stehen oft erst viel später auf der Planung. Zuerst werden immer erst einmal Flyer produziert.
In unserer Gemeinde blicken wir nun aber schon auf etwa zwölf Jahre Arbeit in Sachen Regionalentwicklung zurück, bei dem die Akzeptanz und Unterstützung seitens der Gemeinde für dieses Vorhaben aber auch das Bestreben einzelner - wenn leider nicht aller - Leistungsträger zur Verbesserung eigener Angebote und Infrastrukturen schon deutlich zu spüren sind. Aber es gibt noch viel zu tun (ja, auch immer und gerade in unserem eigenen Hause).
Neben der steten Verbesserung vorhandener Strukturen gibt es jedoch auch immer wieder Glanzpunkte, die man - wenngleich nicht ohne große Investitionen - mit Architektur und Design schaffen kann. Genau darum geht es geht in diesem Artikel in diesem Artikel von Friedrich Lörcher: er legt dar, wie im Weintourismus neue Architektur ein Reiseziel zur Attraktion macht, wie gerade zukunftsweisende Winzer insbesondere in Form von ansprechenden Vinotheken die Kulturlandschaft (und somit ihr Einkommen) nachhaltig verbessern können:
"Vinotheken sind touristische Einrichtungen, bei denen Touristinformation, Weinverkostung und Weinverkauf angesiedelt sein können. Vinotheken erleichtern den Zugang zum Wein. Damit alles funktioniert , sollte die Vinothek selbst eine echte Sehenswürdigkeit sein. Wein und Architektur müssen dort in besonderer Weise verschmelzen. Wenn dann noch Kunst und kulturelle Angebote dazu kommen, ergibt das ganze eine Kommunikationseinrichtung für Wein, Menschen, Landschaft, Kultur und Genuss."
Welchen Schub ansprechende Architektur einem wirtschaftlichen Projekt geben kann, zeigt Lörcher mit dem "Rioja Effekt". Im spanischen Winzerort Rioja hatte Frank O. Gehry, der zuvor mit dem Guggenheim-Museum Bilbao zu einem Platz auf der Landkarte verholf, ein Weinhotel gebaut (das Weingut "Marqués de Riscal"). Bekannt ist dieses Phänomen daher als Bilbao-Effekt, den Lörcher für diesen Zusammenhang wie folgt umschreibt: "Eine Stadt, meist eine kleine, die für Touristen bislang wenig zu bieten hatte, baut sich ein gigantisches Bauwerk - und schon kommen die Besucher in Scharen".
Lörcher ist Referatsleiter für Marketing an der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Weinsberg (Baden Württemberg). Dass er und sein Arbeitgeber auch im und am eigenen Hause schon viel mit diesem Thema Design und Architektur beschäftigt haben, zeigt der Abschnitt zum Verkaufsraum der Versuchsanstalt im Beitrag "Unternehmensdesign – ein wichtiger Wettbewerbsfaktor", der beim Infodienst der LVWO online zu finden ist (auch wenn das Projekt nun schon ein paar Jahre zurück liegt).
Im Artikel, auf den mich Reiner Mößlein aufmerksam machte, nennt Lörcher die Vinotheken in Iphofen und Dettelbach als Beispiele, bei denen die Kommunen Tourist-Informationen in Vinotheken betreiben, die verpachtet sind. Die "zentrale Rolle", die diese Kommunen dort spielen, wird jedoch nicht überall von den Gemeinden angenommen. Auf dem flachen Land scheint es oft eher so, dass kommunale Vertreter das Gefühl haben sie müssten sich für Projekte zur Schaffung von touristischer Infrastruktur entschuldigen, als dass sie diese unterstützen. Zu unterschiedlich seien die Interessen zwischen touristischen Leistungsträgern und anderen Interessensvertretern, wie zum Beispiel Landwirten. Zu wenig wird noch erkannt, dass Tourismusförderung auch Wirtschaftsförderung für alle Zweige der Wirtschaft ist und dass die Schaffung touristisch interessanter Infrastruktur auch für die Bürger einer Region zu einer Verbesserung der Lebensqualität führen kann.
Ein positives Beispiel, bei dem sich die Gemeinde unter Sicherung einer EU-Förderung Geld in die Sanierung eines auch touristisch einsetzbaren Gebäude gesteckt hat, ist das Alte Rathaus in unserem Ortsteil Stammheim. In puncto Vinotheken sind die Winzer auf dem Land jedoch noch auf sich allein gestellt. Schließlich sind Dörfer keine touristischen Destinationen, die eine eigene Tourist-Information verkraften können. Zumindest nicht, bis dort ein vielfältiges Angebot entstanden ist (man beachte, wie sehr man sich hier im Kreis drehen könnte). Gut, dass hier in Zeilitzheim mit der bereits gebauten Vinothek der Familie Mößlein und der bereits durch die Gemeinde genehmigte Vinothek der Familie Herbert bald zwei Projekte dieser Art in unserem 750-Seelen Dorf besucht werden können.
Welcher treue Zeilitzheimbesucher war seit Juli nicht mehr hier? Für diese gibt es einen guten Grund spätestens im Frühjahr mal wieder zu kommen. Der Anblick der Mößleinschen Vinothek in der Unteren Dorfstraße Zeilitzheims erinnert mich übrigens immer, wenn ich abends bei Dunkelheit dort vorbei komme, an Edward Hoppers 1942 gemaltes Gemälde "Nighthawks" - auch wenn die Perspektive eine andere ist. Auch auf die neue, noch zu bauende Vinothek der Familie Herbert bin ich sehr gespannt.
Es tut sich etwas in Zeilitzheim. Es wird immer schöner. Man darf gerne zu uns kommen (ins Schloss dann gerne auch wieder nach dem Winterschlaf bis Ende Februar).
Foto: Das pure Gold eines frischen Zeilitzheimer Sommerweines
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