Sonntag, 16. Mai 2010

Lederhose ohne Laptop

Volkach ist mal wieder in den nationalen Nachrichten



Im nahegelegenen Volkach gibt es mal wieder einen Skandal. Einer Stadträtin will man verbieten, sich Notizen während der Ratsversammlungen zu machen, angeblich, weil "man damit auch Tonaufzeichnungen machen" könne.

Bis in die Süddeutsche Zeitung hat es diese (für manche mehr, für andere weniger) lustige Geschichte geschafft.

Die erwähnte Stadträtin solle ihre Notizen doch handschriftlich machen. Daraus spricht die Angst, die Inhalte könnten mittels Laptop und Internet weiter verbreitet werden. Stadträte wollen nämlich beim "zufälligen Blick" auf den Bildschirm der Stadtratskollegin festgestellt haben, diese habe "private Notizen" über StadtratskollegInnen darauf verfasst (siehe Artikel der MainPost vom 23.3.2010).

Hallo? Wo leben wir eigentlich? Bzw. in welchem Jahrhundert? Ist Euch, die Ihr Angst habt, eine Stadtratskollegin könnte über Eure (im öffentlichen Teil ohnehin öffentlichen) Aussagen Buch führen, nicht bewusst, dass dies auch dann möglich ist, wenn man die Notizen handschriftlich macht und erst anschließend ins Netz stellt? Glaubt Ihr wirklich, dass eine Vorgehensweise, die nur handschriftliche Notizen während Sitzungen erlaubt, es einer aufgeklärten und engagierten Stadträtin nicht ermöglicht diese auch später einzugeben? Ist die Schikane es wert?

Klar: es gilt in Allem zuerst der Respekt und der Anstand. Von einer nicht-öffentlichen Sitzung wird nicht berichtet bzw. Ergebnisse erst dann, wenn sie auch offiziell öffentlich gemacht werden. Soll es aber "verboten" sein (des Deutschen Lieblingswort, das sich auch schon als amerikanisches Fremdwort etabliert hat), sich Notizen zu machen über Themen, Menschen, Sachverhalte?

Wie es aussieht, müssen in diesem Volkacher Fall die Gerichte entscheiden.

Wer jedoch noch nicht begriffen hat, dass es gar keines Laptops (auch ganz ohne Lederhose, wie man im benachbarten Bayern sagt) bedarf, um Inhalte festzuhalten und - oh Graus - gar zu veröffentlichen, der ist auf einem langen Holzweg.

Woher rührt die Angst vor solchen Fähigkeiten und Methoden? Dazu sind sicherlich ein oder mehrere weitere Blogartikel angebracht.

Emilio at Work

3 Kommentare:

  1. Eine wahrlich befremdlich bis witzige Geschichte. Erinnert mich daran, dass während meines Studiums (Informationsmanagement und Unternehmenskommunikation - sehr IT-affin) mancher Dozent darum gebeten hat, die Laptops nicht für Mitschriften zu nutzen...wegen des Tipp-Lärms. Nun, das wurde nicht so ernst genommen...in Volkach scheint das anders zu sein.

    Ich denke der ein oder andere hat dabei die Geschichten im Hinterkopf, dass es schon Twitternachrichten aus Wahlausschüssen und Sitzungen gab, die nicht wirklich angebracht waren. Gut, aber hier ist es wieder wie an so mancher Stelle mit den neuen Medien...weil man damit etwas komisches/doofes/unangebrachtes machen kann, verbietet man dies am besten - ungeachtet dessen, dass es diese Missetaten auch mit traditionellen Medien (Dorftratsch incl.) hätte geben können.

    Weiß man ob hier zufällig drei Mitglieder des Gemeinderats in der freien Wirtschaft tätig sind, wo Handys und Notebooks in Besprechungen allgegenwärtig sind?

    Viele Grüße,
    Sebastian

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  2. Sebastians Kommentar "...ungeachtet dessen, dass es diese Missetaten auch mit traditionellen Medien (Dorftratsch incl.) hätte geben können." war auch mein erster Gedanke.

    Vor traditionellen Medien (wie Tratsch und dem "Blättle") besteht keine Angst.

    Ich finde den Vorfall witzig und es zeigt doch wieder mal wieviel Unwissenheit nur dahinter steckt.

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  3. Witzig für den einen oder den anderen - oder einfach nur peinlich wie die ganze "Hundekacke" Diskussion im Jahr 2009.

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