Des Deutschen Lieblingsthema: Die "Privatsphäre"
Unsere Isa wurde heute 3 Jahre alt. Ein wirklich schöner Tag und Isa strahlte vor Stolz und Glück wie ein Honigkuchenpferd. Wir auch.
Ich gestehe: ich habe kurz nachgedacht, ob ich etwas so Persönliches, wie den Geburtstag unserer Tochter, bloggen sollte. Hier in Deutschland bekommt man ja ständig gesagt: "verrate bloß nicht dein Geburtsdatum! Es könnte jemand deine Identität damit stehlen!". In Bezug auf mein eigenes Geburtsdatum war mir das bisher immer schnurzpiepegal zumal ich denke, dass jemand, der soviel kriminelle Energie hat, dass er ausgerechnet *meine* Identität stehlen möchte... nur zu bzw. - um es trotziger zu formulieren - "ihr *könnt* mich doch gar kopieren!".
Bei den Kindern bin ich natürlich schon etwas vorsichtiger, nicht (alles) einfach öffentlich zu machen (zum Beispiel Fotos). Denn: sie können sich ja schließlich noch nicht so recht wehren. Deshalb drücke ich ihnen ja auch keine Religion auf's Auge. Sie dürfen sich zur rechten Zeit ihren Irrsinn selbst aussuchen.
Aber: Geburtsdatum? Warum dieses verheimlichen? Damit wir keine Postkarten von Ikea mehr bekommen, wenn eines unserer Kinder Geburtstag hat? Diese fand ich heute übrigens ganz witzig. Und Lust auf einen (von mir übrigens noch nie probierten) Ikea Hot Dog bekam ich auch...
Der Grund über das Thema "Privatsphäre im Netz" bzw. einer bewusst gelebten "Öffentlichkeit" (in manchen Dingen) zu diskutieren geht aber viel weiter. So habe ich mich heute sehr gefreut, bei Thomas Knüwer das Video der Rede von Jeff Jarvis gefunden zu haben, die sich genau mit diesem Thema (und der - aus meiner Sicht etwas "verkorksten" - deutschen Vorstellung von "privacy") auseinander setzt. Wunderbare Rede. Gute Diskussion. Ich empfehle auch unbedingt seinen blog buzzmachine.com.
Okay, ich "kenne" Jeff schon länger - Dank des wöchentlichen podcasts "This Week in Google". Zeit, dass auch Ihr ihn kennen lernt (falls nicht schon längst geschehen).
Lieber Alexander,
AntwortenLöschendas sehe ich absolut genauso. Da sind wir Brüder im Geiste. Auch die Erziehung unserer Kinder vollziehen wir so wie ihr. Und mein 10jähriger Sohn hat sich nun einmal für die katholische Kirche entschieden. Obwohl ich da vor 8 Jahren "ausgestiegen" bin, wie er gestern zu mir sagte. Jetzt hatte er Erstkommunion. Da muss ich eben durch. Es ist seine freie Entscheidung. Genauso wie es unsere freie Entscheidung ist, was wir im Netz veröffentlichen. Diese Panikmache kann ich nicht verstehen...
Schafe Grüsse Jürgen
Nein, Kinder können sich weder mit 8 für eine Religion entscheiden (man wird höchstens von Mitschülern, der Oma, der Lust auf Geschenke o.ä. beeinflusst),noch sollte man der Paparazzo der Familie sein. Kinder haben das Recht auf Privatsphäre und das sollte man schützen, bis sie sich (leider kaum zu verhindern) selbst bei Schüler_vz oder Facebook anmelden. Dann aber mit ihrem eigenen Profil. Vielleicht wollen die Mädels im Kindergarten eine ganz andere Geschichte ihres Osterfestes erzählen, vielleicht möchen sie ihre Biographie eines Tages aus irgendwelchen Gründen ändern, vielleicht sind ihnen manche Bilder (oder in einem gewissen Alter auch ihr Vater)einfach nur peinlich ...Ich fände es jedenfalls furchtbar, wenn sich jeder x-bliebige Geschäftspartner, Kunde oder Internet-User private Familienphotos von meinem 3. Geburtstag ansehen könnte. Privates sollte nicht zu geschäftlichen Zwecken missbraucht werden. Persönliche Freiheit ist das höchste Gut. Das gilt ganz besonders für die persönlichen Daten vom Kindern.
AntwortenLöschenJürgen: danke für Deinen Zuspruch!
AntwortenLöschenAnonym: ich sehe es ja (in Teilen) ähnlich. In dem ca. einstündigen Video setzt sich Jeff Jarvis jedoch - wie ich finde sehr gut - mit dieser typisch deutschen Sicht von "Privatem" auseinander. Es lohnt sich wirklich, sich den Vortrag mal in Ruhe anzusehen. Kinder zu "geschäftlichen Zwecken" zu Missbrauchen ist natürlich prima facie "schlecht". Kinder und Familien gehören jedoch auch zur Identität von Menschen. Bei Familienunternehmen (wie unserem kleinen Hotel), in denen der Kontakt zwischen Gast/Kunde und allen Familienmitgliedern einfach dazu gehört, sehe ich das etwas lockerer. Unsere Gäste kennen unsere Kinder. Die Kinder prägen das Schloss wie auch das Schloss uns prägt. In jedem Fall gilt: zuerst zählt der Respekt vor dem Menschen (allen Menschen). Ganz besonders Kindern.
Das war ein sehr interessanter Bericht!!!
AntwortenLöschenWir Deutsche erwarten Transparenz von unseren Firmen und Konzernen, aber auf privater Ebene ist das was ganz anderes.
Wir zeigen unsere Geschlechtsteile der Öffentlichkeit, aber nicht unsere Meinung, Ideen, usw.
Weltweit ist bekannt, dass Deutschland ein Land der Neider ist. Es gibt einiges an Literatur, die Deutschland diesbezüglich erwähnt.
Deswegen halten wir zurück mit unserem Wissen, wir könnten uns ja auch blamieren:D. Alles andere wie Bierbauch und Hängebusen zeigen wir ohne jede Vorhaltung an vielen Stränden Europas.
Allein die Reihenhäuser in unserer Gegend, die ihren Vorgarten so verbauen, dass KEINER reinschauen kann. Die Privatsphäre muss gewahrt werden.
In den USA ist es genau das Gegenteil - man lässt es frei, damit man rausschauen und am Leben teilnehmen kann.
In Deutschland vertuscht man gerne, das war schon immer so (Was sagen denn die Leute!).
Wie Jeff Jarvis sagte - es ist eine Frage der Kontrolle.
Alexander, egal wie, ob es jetzt ein Bild Deiner Kinder wäre, Deine Meinung zu einem Thema oder Dein Haus (in diesem Fall Dein Geschäft). Den meisten Deutschen fehlt der Mut dazu, deswegen gibt es auch relativ wenige Blogger. Über sich und das Geschäft zu schreiben, würde bedeuten Kontrolle zu verlieren.
Am besten alles hinter verschlossenen Türen. Erinnert mich jetzt ein bisschen an den Vatikan.
Maria: Du bringst es so schön auf den Punkt. Danke. Mei' Red. Nur viel besser ausgedrückt. Vielen Dank!
AntwortenLöschenZu Alexander von Harlems Antwort auf 'Anonym': Sehr sympathisch, professionell und durchaus plausibel. Der gastgewerbliche Familienbetrieb lebt von allen Mitgliedern, von der Uroma bis zum jüngsten Spross. Das unterscheidet ihn von Mitbewerbern und muss (vielleicht)auch visualisiert werden. Das war schon früher so: Die ganze Familie (in Tracht) zierte das Deckblatt des Hausprospekts. Stimmt: Deshalb fährt man hin,das macht das Flair aus.
AntwortenLöschenZu Maria: Die amerikanische 'It's no biz like showbiz' - Kultur als vorbildlich hinzustellen... Are you kidding?
Ich finde es immer wieder interessant, wie sehr das "anonyme" Kommentieren doch anders ist, als wenn man zu seinen eigenen Worten und Gedanken stünde. Auch davon handelt der Vortrag von Jeff Jarvis. Schon gehört?
AntwortenLöschenKeine Kultur ist vorbildlich. Jede hat seine Höhepunkte und Tücken. Am Ende zählt der Respekt, den man anderen gegenüber an den Tag legt.
Lieber Alexander von Halem,
AntwortenLöschenprivate Gedanken haben mit dem 'BiZ' nicht unbedingt immer etwas zu tun. Und ich finde (nicht nur in Anlehnung an Herrn Wowereit): das ist auch gut so! Vielschichtigkeit ist kein Manko. Vielleicht wird's dadurch sogar interessanter.
Was wären (wirkliche)Freunde und Familie wert, wenn es nichts gäbe, was man nur mit ihnen teilt. Wenn sie mittags schon im Blog läsen, was man ihnen abends erzählt? Wie langweilig wäre eine Person - wie beliebig würden sich ihre Liebsten fühlen?
Beim 'Barockschloss', als 'ganzheitliches' Projekt mag das anders sein. Aber was, um nur ein Beispiel zu nennen, wenn das Mitglied einer krassen Metall-Band (in der er/sie auch gerne spielt und Geld verdient)in einem Forum - nicht anonym - die Liebe zum seichten Schlager bekennt? Tödlich für's Geschäft/ Image,oder?
Deshalb bezweifle ich stark, dass namentliche Kommentare (Jack, Joe,Jason,Josef & Maria...)
authentischer sind, als 'anonyme'.
Denn, wie gesagt, 'It's no biz like showbiz'!
Und nicht zu vergessen:'It's good to be everybody's darling'.
Übrigens: Hat die 'tückische Kultur hinter deutschen Hecken' keinen Respekt verdient?
Scheint mir in web 2.0-Zeiten eine schützenwerte Minderheit zu sein!
Aber...um die Hängebusen und Bierbäuche, die Maria erwähnt, brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Die sind gar nicht so verschlossen und tragen ihre Konflikte auch gerne öffentliche im Nachmittagsfernsehn aus.
Richten wir unseren Blick lieber auf den Bildungsbürger:
Schon um 178o wurde der Text zu 'Die Gedanken sind frei (..wer weiß was es sei)?
!' zum ersten Mal auf Flugblättern veröffentlicht. Heute gewinne ich allerdings den Eindruck, dass sich viele Orwells 'Big Brother' aus 1984 schon längst aus freien Stücken erschaffen haben und sich dessen nicht einmal bewusst sind.
Ganz genau. Ich gebe den anonymen großen Brüdern, die mich beobachten, sogar eine Stimme!
AntwortenLöschenZu meiner letzten Aussage "In den USA ist es genau das Gegenteil - man lässt es frei, damit man rausschauen und am Leben teilnehmen kann."
AntwortenLöschenIch wollte damit nur illustrieren wie anders es auch sein kann. Das muss nicht meine persönliche Einstellung sein.
Etwas persönliches nebenbei - ich sitze hier auf dem Balkon, die Nachbarn können alle reinschauen, ich kann rausschauen und jeder macht es so wie er will.
Jeff Jarvis hat in seinem Video eben diese unterschiedlichen Werte besprochen, die wir teilweise kollektiv kulturell besitzen und eben aus persönlichen Erfahrungen.
Der eine freut sich wenn er in die Zeitung kommt und unerwartet sein Bild sieht (bei einer Veranstaltung), dem anderen ist es vielleicht egal und dem dritten ist es nicht recht.
Beim Haltungsturner (http://www.haltungsturnen.de/) gibt es eine schöne Analyse zum Thema unter http://www.haltungsturnen.de/2010/04/mal-jenseits-des-fanboys-jubelns-warum.html. Vor allem das dort eingebettete Video eines Interviews mit Jeff Jarvis dürfte ob seiner Kürze (etwa achteinhalb Minuten) für diejenigen leichter verdaulich sein, die sich nicht das einstündige Video von der re:rublica ansehen wollten.
AntwortenLöschenEinen Punkt, den der Haltungsturner aufzählt, möchte ich hier zitieren. Ich empfehle dennoch ausdrücklich, den gesamten Artikel zu lesen!
"Und als halben Punkt und quasi als ceterum censeo: Es gibt im Internetz immer noch keinen Lesezwang. Wenn mich also mein Neffe kritisiert, weil er nicht wissen will, wann ich in die Sauna gehe, dann ist seine Schlussfolgerung, ich soll nicht via Twitter sagen, dass ich in die Sauna gehe, absurd - denn er müsste ja nicht zuhören."
Interessante Diskussion. Vor einiger Zeit habe ich mir über das Thema Anonymität und Transparenz im Netz so meine Gedanken gemacht. Wenn ich als Gastronom/Hotelier oder generell als Unternehmer unter MEINEM Namen schreibe, dann muss ich nicht nur ein bisschen authentisch sein. Sondern wahrscheinlich 200%ig echt! Und genau das ist das Problem. Und die Lösung!
AntwortenLöschenDanke für den Hinweis. Tatsächlich gibt es beim Haltungsturner (http://www.haltungsturnen.de/)eine schöne Analyse zum Thema unter http://www.haltungsturnen.de/2010/04/mal-jenseits-des-fanboys-jubelns-warum.html.
AntwortenLöschenAllerdings ist - meiner Meinung nach - folgende Passage die für das Ursprungsthema des Blogs/ der Diskussion relevante:
>>...Es ist definitiv ein Unterschied, ob ich (z.B. die TOCHTER)entscheide, was ich von mir preisgebe, oder jemand anders das für mich tut (z.B. der VATER), sei es der Staat oder Menschen, denen ich privat etwas erzählt habe...<<
Wenn ich aber für MEINE KINDER entscheide, etwas preiszugeben, dann werden SIE auch damit leben (müssen), dass es preisgegeben ist - dass es also auffindbar ist.
Oder, um im Bild von Neffe und Sauna zu bleiben:
>> Wenn mich also mein KLEINER Neffe kritisiert, weil ER nicht will, dass ich via Twitter sage, wann ER in die Sauna geht, dann ist das nicht absurd sondern sein gutes Recht. Denn - irgendjemand liest es immer... <<